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Der Traum des Schwans

„O Captain! My Captain!“, ein Gedicht des amerikanischen Dichters Walt Whitman (1819–1892) aus dem Jahr 1865, das dem ermordeten Präsidenten Abraham Lincoln gewidmet ist, dürfte nur den wenigsten im Originallaut bekannt sein, aber viele Literatur- und Filmliebhaber verbinden diese Worte mit „Der Club der toten Dichter“ von Peter Weir aus dem Jahre 1989. Hier ist es die ehrerbietige Anrede der Schüler des Clubs für den beliebten Englischlehrer John Keating. Rund um dieses Motiv hat Dr. Kurt Schnidrig mit der Schülerin Anna-Katharina Agten aus der FMP ein Theaterstück geschrieben, das im Mai viermal zur Aufführung gelangte.

Geschickt kombinierten sie dabei Motive aus „Der Club der toten Dichter“ mit Motiven aus „Der sterbende Schwan“, denn der Hauptfigur Svenja Perry steht der Sinn nur nach Tanzen, und zwar in der Rolle der Schwanenkönigin. Und dies ist an der Eliteschule, die sie aufgrund des Wunsches ihres Vaters besuchen muss, nicht nur verpönt, sondern trifft auf erbitterten Widerstand. Wie in „Der sterbende Schwan“ endet auch in „Der Traum des Schwans“ die Protagonistin tragisch. Nicht nur muss der beliebte Englischlehrer Mr. Keating die Schule verlassen, vor allem aber stürzt sich die junge Schülerin nach der Erfüllung ihres Wunsches, als Schwanenkönigin tanzen zu dürfen, in den Tod.

Angeleitet von Jeanette Salzmann, wurden die tänzerischen Aspekte des Spiels vor der Bühne in Szene gesetzt, musikalisch begleitet von Anton Arnold und verstärkt durch den Chor der 3. FMS B. Für Kurt Schnidrig schloss sich mit diesem Projekt der Kreis seiner Lehrertätigkeit. Am Lehrerinnenseminar unterrichtete er bis zu dessen Aufhebung im Jahre 1999 Deutsch, bevor er nach Sion ans Collège des Creusets wechselte. In seinem letzten Jahr als Lehrer und somit vor der verdienten Pensionierung fand er in Olivier Mermod einen Schulleiter, der seine Begeisterung teilte, ein Stück auf die Bühne zu bringen, welches eine wichtige und zeitlose Thematik zur Sprache bringt: den Wunsch eines jungen Menschen, sich selbst verwirklichen zu dürfen. Das persönliche Glück über die Erwartungen der Eltern, über das Elitedenken einer Schule, über die Vorstellungen einer Gesellschaft, was Erfolg bedeutet, stellen zu dürfen, bildete den Kern der Inszenierung. Gerade weil das Stück so tragisch endet, bot es genügend Anlass, darüber nachzudenken, inwieweit alle an der Erziehung beteiligten Personen diesem Aspekt des Glücklichseins und damit der Selbstverwirklichung genügend Beachtung schenken.

Für die FMP-Schülerinnen und Schüler war es auch im Hinblick auf ihre künftige Tätigkeit eine wertvolle Erfahrung. Nicht nur setzten sie sich im Deutschunterricht vergleichend mit Hermann Hesses „Unterm Rad“ und somit einem analogen Schicksal auseinander und diskutierten über Kriterien erfolgreichen Unterrichts, sondern lernten rund um das Projekt der Aufführung, wie arbeitsintensiv und lehrreich eine solche Inszenierung ist. Eine Erfahrung, die ihnen hoffentlich in ihrer späteren Tätigkeit im Zusammenhang mit Schüleraufführungen von Nutzen sein wird.

Text und Fotos: Paul Seiler

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